Die gute Seele vom Vigiljoch

Die gute Seele vom Vigiljoch

 

Der „Loden“, wie ihn die Einheimischen nannten und bis heute in nostalgischer Erinnerung haben, war eigentlich ein Laden, eine Art Tante-Emma-Laden, nur eben deluxe. Deluxe deshalb, weil es nichts gab, was man im „Loden“ nicht hätte kaufen können, aber vor allem deshalb, weil die Tante Emma dort Tante Klara hieß und ein Mensch von solcher Herzensgüte war, dass keiner so genau sagen konnte, ob man des Kaufens wegen in den „Loden“ ging oder wegen Tante Klara.

Bei Tante Klara gab es, wie gesagt, alles, und das, was es nicht gab, versprach sie bis zum nächsten Tag zu besorgen. Mit Zeitungen und Zigaretten – sie besaß sogar die begehrte „Sali e Tabacchi“-Lizenz, um die sie so mancher beneidete – Nadel und Faden, Lebensmitteln und Kleidern erfüllte Tante Klaras ‚Loden‘ die Wünsche des täglichen Lebens, und große geflochtene Körbe mit frischem Brot und Holzschubladen mit Mehl, das die Köche und Hausfrauen der Gegend noch eigenhändig nach Griffigkeit überprüfen durften, stillten die Sehnsucht nach dem Flair der guten alten Zeit. Und weil es für Tante Klara undenkbar gewesen wäre, ihre Kunden zu enttäuschen, vermochte sie dem geduldigen Kaufwilligen stets aus unzähligen Schachteln und Kartons das Sortiment eines Großstadtwarenhauses herauszufischen. Heutzutage würde man das logistisches Genie nennen, was die Einheimischen und vor allem die Gäste des alten Berghotels immer wieder aufs Neue in Erstaunen und Bewunderung versetzte: Denn wer auch immer mit noch so speziellen Kaufbedürfnissen bei Tante Klara vorsprach, bekam, was er wollte. Wenn nicht sofort, dann aber ganz sicher spätestens am nächsten Tag. Es heißt sogar, im Hotel hätten sich manche regelrecht einen – wenn auch sehr zweifelhaften – Sport daraus gemacht und Wetten darüber abgeschlossen, ob es jemandem gelänge, Tante Klara mit einem Wunsch zu behelligen, den sie einmal nicht erfüllen konnte.

Tante Klara hat viele kommen und gehen gesehen, sie war einer jener Menschen, von denen man glaubt, sie hätten alle Kriege er- und überlebt, und alle Krisen sowieso. Wenn die Sommerfrischler im Herbst ins Tal aufbrachen, war es selbstverständlich, dass man bei Tante Klara den Schlüssel abgeben durfte. Wenn man sich auf dem Vigiljoch traf, dann bei den drei Tischchen, die vor Tante Klaras „Loden“ aufgestellt waren und wo Pawigler und Alteingesessene manchmal bis tief in die Nacht hinein sitzen blieben und der „guten Haut“ ihren seligen Schlaf raubten. Für alle, die sie kannten, war Tante Klara ein „Unikum“, Ansprechpartner, Herzensmensch und gute Seele. Dafür erhielt Tante Klara verdienterweise auch eine besondere Auszeichnung: Als „Faktotum vom Vigiljoch“ wurde sie, mitsamt goldener, verschnörkelter Urkunde, im Goldenen Buch verewigt, in dem nur ganz gewisse und besondere Leute eingetragen sind.

Aber das größte Glück, der seligen Tante Klara einmal begegnet zu sein, hatte wohl jener amerikanische Soldat, der mit seinem Fallschirm unfreiwillig auf dem Vigiljoch gelandet war. Weil er mit seiner Uniform aufgeflogen wäre, nähte ihm Tante Klara aus der Seide seines Fallschirms Kleider, mit denen er unbehelligt nach Hause zurückkehren konnte. Das hat er der guten Tante Klara wohl mit seinem Leben verdankt.

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